Wie schaffst du das alles?
Diese Frage begegnet mir oft.
Wie schaffst du das mit den Kindern, mit der Ehe, mit der Selbstständigkeit, mit dem Lernen, mit all diesen Interessen, mit dem Drang, immer weiterzugehen? Und manchmal merke ich schon während der Frage, dass nach einer bestimmten Antwort gesucht wird. Nach einem Geheimnis vielleicht. Nach einer Methode. Nach einer besonderen Stärke. Dabei fühlt es sich für mich viel weniger spektakulär an. Eher wie etwas, das tief im Inneren nie aufgehört hat, sich zu bewegen.
Ich bin kein Mensch ohne Angst. Kein Mensch ohne Müdigkeit. Auch in mir leben Zweifel, Unsicherheit, Überforderung, Sehnsucht, Widersprüche. Es gibt Tage, an denen ich Dinge infrage stelle. Tage, an denen ich an Grenzen komme. Tage, an denen ich mich verliere und wieder einsammeln muss. Nichts daran macht mich außergewöhnlich. Vielleicht liegt der einzige Unterschied lediglich darin, dass ich meinen inneren Bewegungen irgendwann angefangen habe zuzuhören. Zwar nicht immer sofort. Nicht immer mutig. Und oft auch nicht ohne Konsequenzen. Aber da war immer dieser leise Zug in mir. Eine Richtung. Eine Unruhe. Etwas, das mich nie lange stillstehen ließ.
Ich glaube, manche Menschen tragen eine tiefe Sehnsucht nach Entwicklung in sich. Und das nicht aus Mangel oder der permanenten Unzufriedenheit. Eher wie eine Landschaft, durch die ständig neuer Wind zieht. In mir war immer dieser Hunger nach Wissen. Diese fast körperliche Neugier auf Leben. Auf Menschen. Auf Sprache. Auf Musik. Auf Bewusstsein. Auf Bewegung. Und wenn Dinge zu lange gleich bleiben, entsteht in mir kein Frieden. Eher das Gefühl, dass etwas aufhört zu atmen.
Lange dachte ich, Mutterschaft müsse bedeuten, sich vollständig verfügbar zu machen. Morgens gemeinsam am Tisch. Abends gemeinsam am Tisch. Dazwischen präsent, aufmerksam, geduldig, beschäftigt mit den Bedürfnissen anderer. Ich glaube, viele Frauen kennen dieses unsichtbare Bild. Dieses stille Ideal, das irgendwo im Raum steht und beobachtet, ob man genug gibt. Irgendwann begann ich zu merken, dass Menschen auch inmitten von Fürsorge verschwinden können. Ganz leise. Fast unbemerkt. Nicht körperlich. Aber innerlich.
Meine Kinder brauchen keine perfekt inszenierte Mutter. Sie brauchen Verbindung. Und Verbindung entsteht seltsamerweise oft in den kleinsten Momenten. Morgens liegen wir im Bett und kuscheln. Manchmal sprechen wir nur wenige Minuten miteinander. Ein Blick. Ein Satz. Ein ehrliches Gefühl. Ich weiß trotzdem, wie es ihnen geht. Und sie wissen, dass ich da bin. Vielleicht, weil Kinder viel stärker spüren, ob ein Mensch wirklich lebendig ist, als wie viele Stunden man nebeneinander verbringt.
Was ich ihnen vorlebe, ist kein Konzept von Perfektion. Sie sehen einen Menschen, der lernt. Der fühlt. Der Fehler macht. Der Dinge ausspricht. Der sich entschuldigt. Der weitergeht. Und vielleicht liegt darin eine andere Form von Sicherheit: Zu erleben, dass ein Mensch sich selbst nicht verlassen muss, um lieben zu können.
Ich habe nie verstanden, weshalb die Hingabe an das eigene Leben so schnell als Egoismus gelesen wird. Vielleicht, weil wir besonders Frauen beigebracht haben, dass Liebe dort beginnt, wo Selbstverlust einsetzt. Dass eine gute Mutter immer verfügbar ist. Eine gute Partnerin sich anpasst. Eine gute Frau sich so weit zurücknimmt, bis niemand mehr an ihr aneckt. Aber ein Mensch verschwindet nicht plötzlich. Er verschwindet schrittweise. In kleinen inneren Verräternissen gegen sich selbst.
Auch in Beziehungen habe ich irgendwann begonnen, manches anders zu sehen. Ich glaube nicht mehr an Liebe als Verschmelzung. Nicht an dieses stille Versprechen, sich gegenseitig vollständig zu gehören. Vielleicht besteht Nähe viel eher darin, dass zwei Menschen einander begegnen, ohne sich dabei aufzugeben.
Natürlich hat das Konsequenzen.
Wenn eine Frau ihr Leben wirklich lebt, wenn sie ihrer Bewegung folgt, ihren Interessen, ihrer Entwicklung, ihrem eigenen inneren Ruf, dann verändert das auch Beziehungen. Nicht jeder Mensch möchte neben einer Frau stehen, die sich nicht kleiner macht, um Halt zu erzeugen. Nicht jeder Mensch kann mit einer Form von Freiheit umgehen, die nicht gegen ihn gerichtet ist, sondern einfach Teil ihres Wesens ist. Und dennoch liegt darin nichts Kaltes. Nichts Egoistisches. Nichts Vereinnahmendes. Denn jeder Mensch bleibt frei. Der andere darf immer entscheiden, ob er bleiben möchte. Ob er mitgehen kann. Ob diese Form von Beziehung zu seinem eigenen Wesen passt: Vielleicht ist genau das Liebe: Nicht Besitz. Nicht Absicherung. Nicht das Festhalten an Rollen. Sondern die Bereitschaft, dem anderen beim Menschsein zuzusehen.
Manchmal wird gesagt, ich könne nur so leben, weil ich ein gewisses Fundament habe, eine stabile Beziehung. Aber auch das empfinde ich nicht als die ganze Wahrheit. Ein Mensch bleibt nicht aus Pflicht. Nicht wirklich. Menschen bleiben, weil sie es wollen. Und sie gehen, wenn sie es nicht mehr können. Diese Freiheit tragen wir alle in uns. Vielleicht macht genau das Beziehungen lebendig: Dass niemand dem anderen gehört. Dass man bleibt, obwohl man gehen könnte.
Ich habe mit den Jahren auch begonnen zu verstehen, dass jedes gelebte Leben Verzicht bedeutet. Wer sich entwickeln möchte, verzichtet auf bestimmte Sicherheiten. Wer seinen Körper gesund halten will, muss Verantwortung übernehmen. Wer lernen möchte, braucht Räume dafür. Wer Tiefe sucht, verliert manchmal Zugehörigkeit. Das Leben selbst funktioniert bereits so.
Es verlangt Entscheidungen.
Und vielleicht versuche ich gar nicht mehr, allem gleichzeitig gerecht zu werden und folge einfach immer stärker dem, was sich in mir wahr anfühlt: Weit weg von perfekt. Nicht endgültig. Nicht ohne Schuldgefühle oder Widersprüche. Aber lebendig.
Ich glaube, darin verändert sich gerade etwas, nicht nur in Frauen, sondern im Menschen insgesamt. Dieses alte Bild vom richtigen Leben beginnt Risse zu bekommen. Menschen wollen fühlen, dass sie da sind. Wirklich da. Nicht nur funktionierend. Nicht nur angepasst an ein Konstrukt, das irgendwann einmal Sicherheit versprach.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Sehnsucht: Zu SEIN. Ein Leben zu führen, in dem man sich selbst begegnet, sich entwickeln, wachsen, lieben kann, ohne sich selbst zu verlieren.
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